Wer kennt es nicht: das Projekt Lesestart 1-2-3? Im Alter von einem, zwei und drei Jahren erhalten Kinder je ein Buchgeschenk. Dazu gibt es Informationen für Eltern über das Vorlesen. Seit 2011 unterstützt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend bundesweit die frühe Sprach- und Leseförderung. Der Clou an diesem Projekt? Die ersten zwei Geschenke sind gekoppelt an Untersuchungen beim Kinderarzt, so dass nahezu alle Kinder in den Genuss dieses Projekts kommen. Das dritte Geschenk gibt es in den öffentlichen Bibliotheken. Damit wird den Eltern der Weg zu kostengünstiger, oft sogar kostenloser Literatur für ihre Kinder gezeigt.
Vor zwei Wochen gab es nun aber die schockierende Nachricht: Das Programm wird im Jahr 2027 auslaufen – ersatzlos.
In Zeiten, in denen eine schlechte Studie zum Thema Spracherwerb, Vorlesen und Lesen die nächste jagt, wird an der Sprach- und Leseförderung gespart. Das Bundesministerium sagt dazu, dass ein Projekt, so wie es Lesestart 1-2-3 ist, irgendwann enden muss. Ja, da gehe ich mit; ein Projekt hat ein definiertes Ende. Aber eine ersatzlose Streichung? Ich denke, das können wir uns im Moment nicht leisten – im Gegenteil. Das Bundesministerium gibt zwar an, Leseförderung auch weiterhin mit anderen Projekten zu fördern – wie beispielsweise mit dem Magazin „echt jetzt?“ oder anderen, aber wirklich vergleichbar sind die Projekte nicht miteinander.
Keins der anderen Projekte setzt im Elternhaus und in so jungem Alter an. Keins der anderen Projekte unterstützt auch die Eltern bei der Vermittlung der Leseförderung und keins der anderen Projekte kommt so garantiert bei den Kindern an. Statt einer Streichung, sollte ein solches Programm ergänzt werden. Wie könnte eine solche Ergänzung aussehen?
Anfangen sollte das Bundesministerium mit einem Erstlesebuch inklusive eines Bibliotheksausweises zur Einschulung. Zwei Jahre später sollte es in der dritten Klasse einen Comic geben, begleitet von Informationen für die Eltern, dass Comics wichtig für die Entwicklung von Empathie (Lesen von Gesichtsausdrücken), Leseverständnis und Lesemotivation sind. Vielleicht schaffen wir es ja dadurch, dass Erwachsenen begreifen, dass auch Comics richtige Bücher sind. Als nächstes könnte es in der fünften Klasse ein leeres Buch geben und dazu einen Schreibworkshop, der in der Schule stattfindet. In der siebten Klasse könnte es einen ersten Jugendroman geben, vielleicht sogar differenziert in einfacher Sprache und Gebrauchssprache. Und vielleicht gibt es in der neunten Klasse ein Workbook mit Tipps zum besseren einfachen Lernen – aber in hilfreich und lustig. Ach und wie wäre es, wenn wir diese neuen Bücher über die Schulbibliotheken ausgeben lassen? So wie mit dem dritten Buch die Anzahl der Veranstaltungen in öffentlichen Bibliotheken erhöht werden konnten, können sicher mit den neuen Büchern die Schulbibliothekar:innen ihre Angebote erweitern.
So, damit hätten wir nicht nur „Lesestart 1-2-3“, sondern „Lesen von 1 bis 15“ oder „Vorlesestart 1-2-3“, „Lesestart 1-2-3“ und „Lesespaß 1-2-3“. Ist das schon ein neues Projekt? Kann es damit eine neue Förderung geben – vielleicht sogar für die kommenden 15 Jahre?
Wir alle wissen, wie unerlässlich das Vorlesen für die Sprachentwicklung ist. Aber auch für die Lesemotivation und für die Bildungschancen ist es wichtig, dass Kindern regelmäßig vorgelesen wird – auch dann, wenn das Kind schon selbst lesen kann. Warum soll daran gespart werden? Ganz besonders, weil bei der begleitenden Forschung herausgekommen ist, dass das Projekt etwas bringt. Die Frage ist ja auch die: Wo und wie kommen Kinder zukünftig das erste Mal mit Büchern in Berührung wenn es das Projekt nicht mehr gibt und ein Kind vielleicht keine Kita besucht? Im schlimmsten Fall erst mit sechs Jahren in der Schule. Das ist viel zu spät! Das darf auf keinen Fall passieren!
Ich bin sehr gespannt, ob das Bundesministerium die schlechte Presse und die Stellungnahmen an sich vorbeiziehen lässt, oder ob es etwas Neues geben wird, was die guten Teile des Projekts übernimmt und es vielleicht sogar noch verbessert.
