viele Bücher mit Angelsehne an die Decke angebracht

Ein Bericht von Anne Hirschfelder

Viele Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit jungen Leser:innen arbeiten, kennen diesen Traum: einmal zur Kinderbuchmesse nach Bologna fahren. Jedes Jahr im April wird die italienische Stadt zum internationalen Treffpunkt der Kinder- und Jugendbuchszene. Verlagsmenschen, Agent:innen, Autor:innen, Illustrator:innen und Leseförder:innen bewegen sich durch die weitläufigen Hallen, diskutieren auf Podien, bestaunen Illustrationen und verhandeln über Lizenzen. Und ja – mit etwas Glück begegnet man plötzlich Patricia Thoma, Maja Kastelic, Maja Lunde oder anderen Menschen aus der Branche.

In diesem Jahr waren auch die Bücherpiraten aus Lübeck vor Ort – und das mit besonderer Auszeichnung: Nachdem sie 2023 für ihr Projekt „1001 Sprache – bilingual picturebooks“ mit dem Bologna Ragazzi Award geehrt wurden, stellte die Messe ihnen diesmal einen eigenen Stand zur Verfügung. Dreieinhalb intensive Tage lang kam unser sechsköpfiges Team mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch. Wir konnten unser Projekt vorstellen, neue ehrenamtliche Übersetzer:innen gewinnen und wertvolle Kontakte knüpfen.
Gerade für Schulbibliotheken lohnt sich ein Blick auf die Projektwebsite: Dort stehen zahlreiche zweisprachige Bilderbücher kostenlos zum Download bereit. Inzwischen sind rund 70 Geschichten entstanden – entwickelt und illustriert von Kindergruppen und in etwa 80 Sprachen übersetzt (wenn auch nicht jedes Buch in jeder Sprache vorliegt). Das eröffnet neue Wege für die Leseförderung: Kinder können Geschichten in ihrer Familiensprache entdecken, Bücher lassen sich ausdrucken oder als Kamishibai inszenieren und werden so lebendig und zugänglich.

Der Alltag als Aussteller:in lässt allerdings wenig Raum, selbst durch die Messe zu streifen. Umso eindrucksvoller bleiben die kurzen Einblicke: die kunstvoll gestalteten Länderstände – von Brasilien über Litauen und die Slowakei bis hin zur Türkei und Südkorea – zeigen eine beeindruckende sprachliche und künstlerische Vielfalt. Kaum ein anderer Ort bietet diese konzentrierte Begegnung mit internationalen Kinderbuchkulturen.
Ein fester Programmpunkt ist jedes Jahr die Illustrationskunst, die in Bologna einen besonderen Stellenwert hat. Zu meinen persönlichen Highlights zählten die Ausstellungen der Nominierten für den Silent Book Contest, der textlose Bilderbücher in den Fokus rückt, sowie Präsentationen zeitgenössischer chinesischer Illustration.

Ein besonders bewegender Moment war schließlich die öffentliche Lesung der UN-Kinderrechte auf großer Bühne. Jedes Recht wurde in einer anderen Sprache vorgetragen, begleitet von einer englischen Übersetzung auf der Leinwand. In dieser Vielstimmigkeit wurde deutlich, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten von Kindern weltweit sind – und wie sehr ihre Rechte missachtet werden. Gleichzeitig war ein gemeinsamer Wille spürbar, sich für die Umsetzung einzusetzen. Für einen Augenblick standen die jungen Menschen im Zentrum der Aufmerksamkeit – und um sie geht es schließlich.

Lese- und Literaturpädagogin (BVL)
Akademie für literale und mediale Bildung
https://annehirschfelder.de/